#163 27 Jahre Koralmbahn: Führung & Management eines Infrastruktur-Giganten

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Herzlich willkommen zu einer neuen Folge des TPG Podcasts!

Stellen Sie sich vor, Sie übernehmen die Leitung eines Projekts, das die Geografie eines ganzen Landes neu definiert. Ein Projekt, das über drei Jahrzehnte dauert, 127 Kilometer Neubaustrecke umfasst und den längsten Eisenbahntunnel Österreichs hervorbringt.

In dieser Episode begrüßt Johann Strasser einen Mann, der genau diese visionäre Reise angeführt hat: Dr. Schneider. Er begleitete die Koralmbahn von der ersten Machbarkeitsstudie 1991 bis zur historischen Erstbefahrung mit 250 km/h. Sie erhalten einen Blick hinter die Kulissen eines 5,9-Milliarden-Euro-Giganten, der heute als internationaler Benchmark für Kostenstabilität und technisches Projektmanagement gilt.

Im Fokus:

  • Management durch alle Stürme: Wie führt man ein Team über einen Zeitraum, in dem 15 Bundeskanzler und 18 Verkehrsminister im Amt waren, ohne den Fokus zu verlieren?
  • Der „Gänsehaut-Moment“: Dr. Schneider beschreibt das emotionale Erlebnis, nach 20 Jahren Bauzeit das erste Mal im Führerstand durch den 33 Kilometer langen Koralm-Tunnel zu rasen.
  • Krisenmanagement unter Tage: Erfahren Sie, wie das Team reagierte, als die Tunnelbohrmaschine in der Lavanttal-Störzone stecken blieb und massive Umplanungen nötig wurden.
  • Wertebasierte Führung: Warum „technische Redlichkeit“, Vertrauen und das Vertrauen auf das eigene Bauchgefühl die wahren Schlüssel zum Erfolg waren.

Kurz: Es erwartet Sie ein Gespräch über Durchhaltevermögen, Ingenieurskunst und die Leidenschaft für ein Projekt, das Generationen verbindet.

Unbedingt reinhören! 🎧

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Tina Ciotola


Mit Johann Strasser

Johann Strasser, Dipl.-Ing., ist seit 2001 geschäftsführender Gesellschafter bei TPG The Project Group. Seine langjährige Expertise fließt in die Produktentwicklung und in die Beratung internationaler Kunden. Sein Wissen gibt er seit vielen Jahren in Form von Vorträgen, Seminaren, Artikeln und Webinaren weiter.

Hier geht es zum LinkedIn-Profil:
https://www.linkedin.com/in/johann-strasser/

und Dr. Klaus-Dieter Schneider

Dr. Schneider ist Bauingenieur und zählt zu den prägenden Persönlichkeiten im europäischen Infrastruktur- und Tunnelbau. Über mehr als 27 Jahre leitete er das Infrastruktur-Megaprojekt Koralmbahn – von der ersten Machbarkeitsstudie bis zur erfolgreichen Inbetriebnahme. Unter seiner Führung wurde die 127 Kilometer lange Hochleistungsstrecke inklusive des 33 Kilometer langen Koralmtunnels mit einer Budget-Punktlandung von 5,9 Milliarden Euro realisiert. Sein Führungsstil basiert auf technischer Redlichkeit, Vertrauen und gelebter Eigenverantwortung. Nach dem Erfolg dieses internationalen Benchmark-Projekts verantwortet Dr. Schneider heute die Planung weiterer Tunnelgroßprojekte entlang der baltisch-adriatischen Achse.


Was Sie jetzt tun können, um keine Praxistipps rund um das Projektmanagement zu verpassen   


Podcast-Zusammenfassung:

27 Jahre Koralmbahn: Führung, Management und die Vision eines Infrastruktur-Giganten

Stellen Sie sich vor, Sie übernehmen die Leitung eines Projekts, das über drei Jahrzehnte die Landkarte eines ganzen Landes verändert. Ein Projekt, das hunderte Brücken umfasst, den längsten Eisenbahntunnel Österreichs hervorbringt und eine Fahrzeit von fast drei Stunden auf nur 40 Minuten verkürzt. In der neuesten Episode unseres Podcasts begrüßt Johann Strasser einen Gast, der genau diese Mammutaufgabe gemeistert hat: Dr. Schneider, der die Koralmbahn von der frühen Planung bis zur ersten Hochgeschwindigkeitsfahrt begleitet hat.

Der Gänsehaut-Moment nach Jahrzehnten der Arbeit

Was fühlt ein Projektleiter, wenn nach über 20 Jahren Bauzeit der erste Zug mit 250 km/h durch das Herzstück des Projekts rast? Dr. Schneider beschreibt diesen Moment als ein Erlebnis, das buchstäblich unter die Haut geht. „Ich war bei der ersten 250-km/h-Fahrt dabei, ich bin vorne im Führerstand gewesen… ein Gänsehaut-Moment, wo man schon ein bisschen Tränen in den Augen hat“, schildert er die Emotionen im Cockpit. In diesen Sekunden ziehe die gesamte Projektgeschichte – von den ersten Begehungen zu Fuß über endlose Verhandlungen mit Bürgermeistern bis hin zu den geologischen Krisen im Berg – wie im Zeitraffer am inneren Auge vorbei.

Es ist ein Moment des Stolzes, aber auch der Wehmut. Dr. Schneider vergleicht das Ende dieses 27-jährigen Weges mit dem Auszug der eigenen Kinder: Man ist stolz auf die Selbstständigkeit des Werks, spürt aber auch den Schmerz des Loslassens. Dieses Gespräch bietet tiefe Einblicke, wie man eine solche berufliche Lebensaufgabe mit technischer Exzellenz und menschlicher Führung meistert.

Der Weg vom „Zweizeiler“ zum europäischen Megaprojekt

Die Geschichte der Koralmbahn begann offiziell mit einer Machbarkeitsstudie im Jahr 1991, an der Dr. Schneider bereits als Universitätsassistent mitwirkte. Der eigentliche Auftrag im Jahr 1995 war dabei erstaunlich schlicht formuliert: Ein „Zweizeiler“, der lediglich den Bau einer zweigleisigen Hochleistungsstrecke von Graz nach Klagenfurt anordnete.

Was daraus entstand, ist technisch beeindruckend:

  • Eine 127 Kilometer lange Neubaustrecke.
  • 12 Tunnel mit einer Gesamtlänge von 50 Kilometern, darunter der 33 Kilometer lange Koralm-Tunnel – der sechstlängste Eisenbahntunnel der Welt.
  • Über 100 Brücken und 23 neue Bahnhöfe.

Doch die Bedeutung geht weit über die Verbindung von zwei österreichischen Städten hinaus. Dr. Schneider betont das „Big Picture“: Die Bahn ist Teil der baltisch-adriatischen Achse, die Häfen wie Danzig mit dem italienischen Wirtschaftsraum verbindet. Das Projekt schaffte somit einen neuen europäischen Korridor, dessen Nutzen durch den EU-Beitritt und die Deklaration als trans-europäisches Netz massiv an Bedeutung gewann.

Management im Sturm der Politik: 15 Bundeskanzler und 18 Minister

Eine der größten Herausforderungen war die extreme Laufzeit des Projekts. Seit der Beauftragung 1995 wurde die Koralmbahn von 15 Bundeskanzlern und 18 Verkehrsministern begleitet. Dr. Schneider sieht jeden Wechsel in der Politik pragmatisch als einen „Eigentümerwechsel“ in einem demokratischen Zyklus.

Die Aufgabe des Projektmanagements war es hierbei, den neuen Entscheidungsträgern die langfristige Vision zu vermitteln und zu verhindern, dass das Projekt in einen ineffizienten Zickzack-Kurs gerät. Sein Credo für diese politische Arbeit: Technische Redlichkeit. Es sei essenziell, stets bei der fachlichen Wahrheit zu bleiben und keine Aussagen zu treffen, nur weil sie politisch erwartet werden. „Wir sind hier immer einen sehr geraden Weg gegangen und haben nicht das dokumentiert und gesagt, was man hören wollte, sondern das, was Sache ist“, so Schneider.

Das Geheimnis der Kostenstabilität: Eine Punktlandung bei 5,9 Milliarden Euro

In einer Zeit, in der Großprojekte oft als „Milliardengräber“ verschrien sind, ist die finanzielle Bilanz der Koralmbahn bemerkenswert. Trotz der jahrzehntelangen Laufzeit und Krisen wie der Inflation konnte das Budget bei rund 5,9 Milliarden Euro stabilisiert werden – eine Punktlandung im Vergleich zur fixierten Schätzung von 2005.

Dr. Schneider führt diesen Erfolg auf vier Kriterien zurück:

  1. Vorausvalorisierung: Bereits bei der Kalkulation wurde eine Inflation von durchschnittlich 2,5 % pro Jahr über die gesamte Laufzeit miteingerechnet.
  2. Risikobewirtschaftung: Unbekannte Faktoren wie Geologie oder Technologiewechsel wurden nicht nur abstrakt benannt, sondern aktiv beziffert.
  3. Aktive Steuerung: Risiken wurden auf jedes einzelne der hunderte Baulose heruntergebrochen und quartalsweise aktualisiert. Wenn Abweichungen auftraten, hatte das Team den Mut, sofort gegenzusteuern.
  4. Ratio Legis (Der Geist der Norm): Anstatt sich blind an überbordende Bürokratie oder starre Richtlinien zu klammern, forderte Schneider sein Team auf, den Sachverstand einzuschalten und Normen „dem Geiste nach“ zu exekutieren.

Führung und Kultur: Vertrauen als Fundament

Trotz der Größe des Budgets war das Kern-Projektteam der ÖBB-Infrastruktur überraschend klein. In der Hochphase bestand es aus lediglich 80 bis 90 Personen, organisiert in einer schlanken Matrix-Organisation. Der Rechnungshof kritisierte zeitweise sogar, das Team sei „zu schlank“ aufgebaut, was die Gefahr eines Know-how-Verlusts berge.

Dr. Schneider begegnete diesem Risiko durch eine starke Unternehmenskultur, die auf Vertrauen und Eigenverantwortung basierte. Er selbst erhielt als junger Mann das Vertrauen des Vorstands für dieses Megaprojekt und gab dieses Leitbild an seine Mitarbeiter weiter. Die Fluktuation im Team war untypisch gering; viele Ingenieure begleiteten das Projekt von ihrem Berufsstart bis zur Pensionierung.

Wissensmanagement wurde dabei aktiv betrieben: In quartalsweisen Gesamtkoordinationssitzungen wurde Wissen nicht nur dokumentiert, sondern persönlich ausgetauscht. Schneider legte Wert auf Präsenztermine, um Mimik, Gestik und die Begeisterung der Menschen spürbar zu machen. Sein Ziel war es, dass jeder Mitarbeiter, egal ob er eine Brücke plant oder eine Schraube im Tunnel montiert, seinen Beitrag zum „Großen Ganzen“ versteht.

Krisenbewältigung am Beispiel der Lavanttal-Störzone

Kein Großprojekt verläuft ohne Rückschläge. Im Koralm-Tunnel stieß das Team auf die Lavanttal-Hauptstörzone, eine geologische Abrisskante mit zerriebenem Material. Die Tunnelbohrmaschinen kamen nur zentimeterweise voran und blieben schließlich stecken.

In dieser Phase war massives technisches Umsteuern gefragt: Es wurden vier Gegenvortriebe aus der Nachbarröhre angeordnet – eine Entscheidung, die Mut erforderte und rund ein Jahr Verzögerung sowie zusätzliche Kosten verursachte. Schneider betont, dass in solchen Momenten eine minutengenaue Dokumentation und das Aufzeigen von Handlungsoptionen gegenüber dem Eigentümer entscheidend sind, um das Vertrauen in die Projektleitung zu erhalten.

Digitalisierung und der Blick in die Zukunft

Obwohl das Projekt in einer weitgehend analogen Welt begann, schloss es technologisch an der Weltspitze ab. Während man anfangs mit Zeit-Weg-Diagrammen arbeitete, wurde die gesamte Innenausrüstung des Koralm-Tunnels schließlich mittels BIM (Building Information Modeling) abgebildet – eines der größten BIM-Projekte überhaupt.

Dr. Schneider blickt mit Zuversicht auf die Ingenieurskunst in Österreich und Deutschland. Sein Rat an künftige Projektleiter: Man darf für die Sache brennen und sollte dem Bauchgefühl Raum geben. Das Bauchgefühl sei nichts anderes als die Vereinigung von tiefem Wissen und langjähriger Erfahrung.

Fazit: „Benchmark sein ist das Ziel“

Die Koralmbahn ist mehr als Beton und Stahl; sie ist ein Zeugnis für Beständigkeit, technische Redlichkeit und den Mut, große Visionen über Jahrzehnte hinweg zu verfolgen. Dr. Schneider verabschiedet sich mit einem ambitionierten Leitsatz, der seine gesamte Karriere prägte: „Erster sein ist zu wenig. Wir wollen Benchmark sein, an dem sich die Ersten richten“.

Mit der Inbetriebnahme im Dezember 2025 geht eine Ära zu Ende, doch für Dr. Schneider wartet bereits das nächste Projekt auf der gleichen Achse, um die Verbindung zwischen Bruck und Graz weiter zu optimieren. Ein Beweis dafür, dass die Leidenschaft für Infrastruktur auch nach 27 Jahren Koralmbahn ungebrochen ist.


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