Projektmanagement in der Aerospace-Industrie (Experten-Interview)

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Das starke Wachstum in Luft- und Raumfahrt erfordert neue Wege +++ Interview mit Martin Hespe: „Mich faszinieren komplexe Projekte“

Die deutsche Luft- und Raumfahrt steht vor großen Herausforderungen:

  • Wachstum muss gemanagt,
  • eine Top-Position im Technologiewettbewerb gesichert sowie
  • komplexe Fertigungs- und Instandhaltungsprozesse abgewickelt werden.

Innovative IT-Lösungen für effizientes Projektmanagement sind hierfür ein zentraler Erfolgsfaktor. Im Interview mit Martin Hespe, Key Account Manager bei TPG The Project Group, lesen Sie seine Sichtweise:

  • woran Projekte in der Luft- und Raumfahrt Branche scheitern,
  • welche Trends wichtig sind und
  • wie sich die Vernetzung von Planung und IT auswirkt.

Wie schätzen Sie den Status von Projektmanagement in der Aerospace-Industrie ein?

Hespe: Für viele Marktteilnehmer sind große Teile der Wertschöpfung in Produktion und Instandhaltung noch zu wenig transparent. So erfolgt die Koordination von Personal-, Stellplatz- oder Materialbedarfen etwa über Firmengrenzen hinweg nur selten in Echtzeit. Dabei steht zweifelsfrei fest, wenn Abläufe digitalisiert und zuvor eigenständige IT-Systeme integriert werden, fallen buchstäblich Mauern – es entstehen aktuelle, flexible, effiziente Prozesse.

Wenn Abläufe digitalisiert und zuvor eigenständige IT-Systeme integriert werden, dann fallen buchstäblich Mauern.

Wie stark ist die Bedeutung von Projektmanagement bei C-Level-Entscheidern verankert?

Hespe: Ohne Projektmanagement kommt kein Unternehmen der Luft- und Raumfahrtindustrie heute mehr aus. Der Reifegrad in Konzernen als auch in mittelständigen Unternehmen der Branche ist aber höchst unterschiedlich.

Fakt ist, wenn CEOs oder CTOs keine eindeutige Position beziehen oder zentrale Vorgaben etwa einer Konzernmutter fehlen, ist das Projektmanagement in der Regel Stückwerk. Qualität, Vernetzung und Aufbereitung der für Design, Bau, Serienfertigung oder Instandhaltung nötigen Prozessdaten variieren dann selbst innerhalb von Divisionen oder sogar Bereichen massiv.

Was sind besondere Risiken bei Aerospace-Projekten?

Hespe: Das starke prognostizierte Wachstum des Marktes in den nächsten 20 Jahren, etwa im Segment zivile Luftfahrt, wirft viele Fragen auf. So ist die Produktion sicherheitsrelevanter Teile und Baugruppen etwa aufgrund komplexer Prüfprozesse nicht einfach skalierbar. Das macht Liefer- und Produktionsprozesse höchst anfällig.

Das Auftragsvolumen für Flugzeuge ist hoch (Quelle: Magazin „Oben Ihr Flugbegleiter“, Heinrich-Böll-Stiftung und Airbus Group, 2016)

Woran scheitern Ihrer Erfahrung nach viele Projekte in der Branche?

Hespe: Ich möchte als einen wichtigen Punkt „unrealistische Ausgangsbedingungen“ nennen. Darunter fallen unpräzise Anforderungen oder unerfüllbare Spezifikationen. Es bilden sich dann im Verlauf der Projekte sogenannte „Scope Creeps“. Das sind fortlaufende Änderungen des ursprünglichen Projektumfangs und entsprechende Risiken, dass Funktions-, Budget- oder Zeitvorgaben nicht eingehalten werden können.

Ein zweiter Punkt ist die Transparenz, die sich mit passenden integrierten IT-Systemen für die Aerospace-Branche erheblich steigern lässt. Präzise, aktuelle Planungsstände erfordern von allen Beteiligten eine hohe Termintreue und die strikte Einhaltung der Planungsprozesse. Aber auch die Fähigkeit, schnell reagieren sowie delegieren zu können ist nötig. Das können oder wollen viele Beteiligte nicht.

Die Fähigkeit, schnell reagieren sowie delegieren zu können ist nötig. Das können oder wollen viele Beteiligte nicht.

Was ist eine spezielle Herausforderung bei Aviation-Projekten?

Hespe: Für die Bewertung des Projektstatus sind der Fortschrittgrad sowie der Restaufwand wichtige Variablen. Sonst sind Gesamtkosten und Liefertermine nicht zu managen. Doch die Ermittlung ist komplex, wenn Produkte aus Zehntausenden oder sogar Millionen Bauteilen von Hunderten Zulieferern wie bei einem Passierjet von Airbus oder Boeing bestehen. Es ist daher eminent wichtig, eine geeignete Methode für die Bestimmung des Fortschrittgrades schon in der Planungsphase zu definieren.

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Was ist ein wichtiger Trend beim Projektmanagement in der Luft- und Raumfahrt Branche?

Hespe: Kunden- und Lieferantenprojekte sind derzeit ein wichtiges Thema. Zivile Flugzeuge zum Bespiel sind in der Regel „customized“, also auf den Kundenbedarf maßgeschneidert. Gleichzeitig gestalten immer mehr Hersteller, Betreiber, Zulieferer Innovationen, Weiterentwicklungen und Verbesserungen mit Industriepartnern, um etwa Risiken zu minimieren. Für diese Kooperationen ist der optimale Austausch von Planungsdaten ein zentrales Erfolgskriterium.

Leistungen für Luft- und Raumfahrtunternehmen
TPG hat fast 20 Jahre Erfahrung mit IT-Lösungen für Projektmanagement sowie Kosten- und Termincontrolling. Auf der Basis von Microsoft Technologien und ERP-Systemen bietet TPG profundes Branchenwissen, Beratung und bewährte IT-Lösungen aus einer Hand.

Für den Aerospace- und Defense-Bereich sind dies zum Beispiel: Kostencontrolling, Überwachung von Lieferterminen und Mittelabflussplanung, Programmmanagement, Planung der Auslastung von Produktionsanlagen sowie Termin- und Kostentrends.

Die Verzahnung der Produktion mit Informations- und Kommunikationstechnologien ist ein weiterer zentraler Trend. Was leistet Projektmanagement für die Industrie 4.0?

Hespe: Wenn Menschen, Maschinen, Anlagen, Logistik und Produkte miteinander kommunizieren und kooperieren sollen, ist eine zentrale, konsistente und hochaktuelle Datenbasis eine grundlegende Bedingung. Alle Planungsdaten zu Terminen, Kosten und Ressourcen müssen in einem vollständig digitalen Innovations- und Produktionsumfeld komplett integriert sein.

Die Vernetzung materieller und immaterieller Ressourcen über Kollaborationsplattformen sowie integrierte IT-Lösungen für das Projekt- und Portfoliomanagement sind de facto Eckpfeiler der digitalen Transformation.

Was zeichnet ein integriertes Projekt-, Portfolio- und Ressourcenmanagement denn konkret aus?

Hespe: Manager erkennen zum Beispiel auf Knopfdruck, welche Projekte Sinn machen und wo sich Konflikte oder Chancen aufbauen. Die Integration dieser Daten in die ERP-Systeme garantiert gleichsam eine hohe Gesamteffizienz der Projekte.

Wo hat Projektmanagement mehr Stärken: bei der Serienfertigung, bei kleineren Stückzahlen oder bei der Suche nach innovativen Lösungen?

Hespe: Die Vorteile lassen sich nicht einfach an Mengen oder Wertschöpfungsstufen festmachen. Es kommt auf die Anforderungen an. Wenn es um Engpass-Ressourcen geht, um hoch spezialisiertes Wissen, um kundenspezifische Lösungen oder komplexe Prozesse über Standorte hinweg, wie es in der Luft- und Raumfahrt längst typisch ist, dann braucht es zwangsläufig effektives Projektmanagement.

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In der Luftfahrt wird intensiv an alternativen Treibstoffen, elektronischen Antrieben oder der Fertigung kompletter Flugzeuge per 3-D-Druck geforscht. Fliegen soll nachhaltiger, die Produktion muss wirtschaftlicher werden. Was ist bei Innovationen aus Sicht des Projektmanagers vorrangig zu beachten?

Hespe: Erstens ist gutes Risikomanagement entscheidend, denn das künftige Produkt oder die finale Lösung stehen ja nicht fest. Die Materialien sind vielleicht vorhanden, die Experten an Bord und das Projekt lässt sich auch kalkulieren. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass das Projekt wie gewünscht abläuft. Jedes Projekt, und innovative insbesondere, besitzt Risiken. Nehmen wir das US-Raumfahrtunternehmen SpaceX, das immer wieder Fehlschläge erleidet. Ihre Trägerraketen Falcon sind schon mehrfach explodiert.

Gutes Risikomanagement ist entscheidend, denn das künftige Produkt oder die finale Lösung stehen ja nicht fest.

Je präziser nun mögliche Risiken identifiziert und Puffer eingeplant sind, desto schneller läuft das Projekt nach einem Problem wieder an, weil etwa neue Budgets rasch frei gegeben werden.

Ein zweiter Punkt ist eine möglichst exakte Planung des Projekts. Das heißt, alle Beteiligten müssen zum Beispiel Zeit- und Ressourcenpläne akribisch und regelmäßig fortschreiben. Sonst lassen sich Ziele, Aufgaben und Abläufe nicht adäquat priorisieren.

TPG hat gerade ein neues Projektmanagement-Konzept für den Aerospace- und Defense-Bereich vorgestellt – was verbirgt sich hinter dieser Branchenlösung?

Hespe: Die Aerospace-Branchenlösung von TPG ist ein innovatives Prozess- und Technologie-Konzept für Aviation-Projekte von Herstellern, Zulieferern, MRO-Firmen oder Flughafenbetreibern. Ansatz ist es, Projektdaten von der ersten Idee über das Programm-Management bis zur Arbeitsorganisation und Kontrolle so zu verknüpfen, dass ein effizienter Wertschöpfungsprozess entsteht. Gleichsam ermöglicht es die ständige Optimierung der unternehmerischen und betrieblichen Abläufe.

Die vier Module verbinden die kritischen Prozessbereiche Design & Programs, Production & MRO, Work Management und Delivery Control Center organisatorisch sowie technisch.

Die modulare TPG Aerospace-Branchenlösung im Video (zum Abspielen auf Bild klicken)

Was unterscheidet TPG von anderen Dienstleistern im Projekt-, Portfolio- und Ressourcenmanagement?

Hespe: Wir haben fast zwei Jahrzehnte Erfahrung mit Projekten in der Luft- und Raumfahrt. Zudem erfüllen wir alle sicherheitsrelevanten Anforderungen. Wir verstehen Kunden also fachlich und setzen gleichsam qualifiziertes sowie zertifiziertes Personal ein.

Was ist Ihre Meinung zu den Herausforderungen an das Projektmanagement im Luft- und Raumfahrtbereich? Bitte hinterlassen Sie einen Kommentar.

Profil Martin Hespe
Martin Hespe ist gebürtiger Münchner. Seit 13 Jahren arbeitet der Bauingenieur, der auch über einen Master of Business Administration & Engineering verfügt, für The Project Group. Der begeisterte Segler und Oldtimer-Fan ist als Key Account Manager verantwortlich für komplexe Projekte bei Luft- und Raumfahrtunternehmen. Martin Hespe ist verheiratet, Vater von drei Kindern. Er lebt mit seiner Familie am Chiemsee in Bayern.

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